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Musik
„How To Quit Smoking“: So klingt die neue Platte von Dominic Fike
Auf seinem dritten Album „How To Quit Smoking“ stellt sich Dominic Fike die Frage: Funktioniert meine Musik auch dann noch, wenn ich all meine Laster abgelegt habe?
Wer kennt sie denn nicht, die umstrittene Prämisse, das leidende, von Problemen und Krisen geplagte Menschen die spannendere Kunst machen? Je schwerer das Leben, desto besser das Produkt – eine vermeintlich erfolgversprechende Formel nach der Dominic Fike wahrscheinlich noch viele Alben hätte schreiben können. Aufgewachsen als eines von vielen Stiefgeschwistern, zwischen Pflegefamilien, Kinderheim und Eltern mit starken Suchtproblemen, mit denen auch er selbst im Laufe seines Erwachsenwerdens zu kämpfen hatte, sind die Geschichten aus dem Leben des Dominic Fike alles andere als märchenhaft.
Das Gegengewicht dazu bildet seine Musik, die seit jeher zum Großteil aus sonnengetränktem Gitarren-Pop besteht. Die Art von Musik, die sich nach Sommer und Sorglosigkeit anfühlt, schwerelos und befreit von allen irdischen Problemen. Die Songs passen in eine Surfer-Playlist mit Artists wie Jack Johnson oder Dope Lemon, sind textlich aber weitaus weniger seicht, idealistisch und verklärt. Der Kontrast von musikalischer Leichtigkeit und textlicher Schwere ist keine neue Erfindung, trotzdem hatte sie bei Dominic Fike seit dem Release seiner ersten EP 2018 eine scheinbar magische Anziehungskraft, die bis heute nachwirkt.
Vom Schauspieler zum Musiker
Wer sich fragt, woher man Dominic Fike denn eigentlich kennt: Eine seiner ersten Demos, der Song „Babydoll“ ist erst dieses Jahr zum viralen Hit aufgestiegen und hat über eine Milliarde Plays auf Spotify. Außerdem kennen einige Dominic Fike vermutlich nicht als Musiker, dafür aber als Schauspieler an der Seite von Zendaya und Hunter Schafer, in der zweiten Staffel der HBO Serie „Euphoria“. Da wäre er übrigens wegen seines problematischen Konsumverhaltens während der Dreharbeiten beinahe wieder rausgeflogen. All das hat Dominic Fike, so scheint es, mittlerweile hinter sich gelassen.
Er ist letztes Jahr dreißig geworden, ist trocken und hat dem Substanzmissbrauch den Rücken gekehrt. Außerdem ist er jetzt Vater. Über veränderte Perspektiven und neue Blickwinkel, die Neuordnung alter Gedanken und die Versöhnung mit den eigenen Altlasten, reflektiert Dominic Fike auf seiner dritten Platte „How To Quit Smoking“ – der Titel eine klare Anspielung auf die letzte Sucht, von der er noch nicht losgekommen ist. Zwar sind die Songtexte oft vage, aus dem Zusammenhang gerissene Phrasen, auf deren Bedeutung man sich nur schwer einen Reim machen kann. Die Akkumulation aus Albumtitel und einzelnen Textzeilen, einer Sprachnachricht im letzten Song der Platte und Aussagen, die Dominic Fike im vergangenen Jahr in Interviews getroffen hat, lässt sich dann aber doch eine relativ klare Frage ableiten, die auf „How To Quit Smoking“ im Zentrum steht: Ist die Musik von Dominic Fike auch dann noch gleichermaßen ansprechend, wenn er das Leid, die Laster und die Schwere hinter sich lässt?
Ein Album, das nach Studio-Session klingt
Der erste Impuls ist ein klares Ja, und zwar gleich aus mehreren Gründen. Einerseits wäre da die Musik, die sich zwar schon immer in einem engmaschigen Netz aus Surf-Pop, R&B und HipHop bewegt hat, das sich jetzt aber über seine bisherigen Grenzen hinweg weiter ausdehnt. „Squeeze“ klingt stark nach The Kooks oder Master Peace, das Duett „Honeylove“ mit Grave Ives erinnert dafür stellenweise an den TikTok-Hit „Meet Me At Our Spot“ von The Anxiety. Dominic Fike spielt außerdem vermehrt mit Stimmeffekten und hat knapp die Hälfte der Songs mit Gastmusiker:innen aufgenommen. „How To Quit Smoking“ ist ein Album, das fast vollständig unterwegs, auf Tour entstanden ist und klingt aufgrund der Häufigkeit der Features manchmal fast ein bisschen wie eine Studio-Session mit Freund:innen.
Wahrscheinlich klingen auch genau deshalb manche seiner Geständnisse so intim: „I spend more time in my automobile than I do with my mom“, heißt es etwa im Song „Cabby", oder: "If I had stuck around and raised my father, I’d have pennies on a pinch" und "If I had a dime from every time that we went broke, would I even break?“ im Song „Not The Spirit“. Der Wunsch nach Unabhängigkeit und ein unterschwelliger Freiheitsdrang bleiben weiterhin wichtige Komponenten in der Klangwelt von Dominic Fike. Jedoch bricht er auch damit, indem er seine eigene Verantwortung reflektiert und sich sogar an klassenbewusste Provokationen heranwagt.
Wunsch nach Stabilität und Drang nach Freiheit
Wobei dazu gesagt werden muss, dass die plakativ platzierte und häufig wiederholte Zeile „The rich, we eat em“ im Track „Lily Was A Cavalier“ schärfere gesellschaftliche Beobachtungen verspricht, als die zerstreuten Pointen des Texts tatsächlich liefern können. Trotzdem zeigt sich eine neue Erkenntnis, die sich fast durch die gesamte Platte zieht: Wenn das eigene Kaputtsein nicht mehr den Großteil der Gedanken einnimmt, ergeben sich plötzlich neue existenzielle Fragen und Zugänge, um das eigene Selbstbild zu beschreiben.
Das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Stabilität und dem Drang nach Freiheit passt zur musikalischen Ungleichmäßigkeit der Songs und wird greifbar, durch die bewusst eingestreuten Einblicke hinter die Kulissen, durch kleine Skits und Sprachnachrichten, die einen nie dagewesenen persönlichen Zugang zu einem Künstler ermöglichen, der sein Privatleben und seine schwierige Vergangenheit üblicherweise eher hinter vagen Analogien verborgen hält. „Just stay connected to your inner child. Everything is a learning experience. I try to see beauty in every experience“, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Gespräch mit Tay-K, das Teil des letzten Tracks der Platte ist.
Keine Anleitung um mit dem Rauchen aufzuhören
„How To Quit Smoking“ ist also entgegen seinem Titel keine Anleitung, wie man es schafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Es kann aber im weitesten Sinne als Einladung verstanden werden, über die eigenen Süchte und Abhängigkeiten im Leben zu reflektieren. Sei es Rauchen, Doomscrolling oder die Sucht nach Anerkennung von außen, um nur ein paar Beispiele zu nennen, die sich auf der Platte wiederfinden. Sie ist ein Angebot, die eigenen Laster vorurteilsfrei als etwas anzuerkennen, aus dem man etwas über sich selbst lernen kann. Außerdem legitimiert sie die Angst davor, dass ohne Laster nichts mehr von einem selbst übrigbleibt, das einen interessant macht und wagt gleichzeitig den Versuch diese Angst zu überwinden.
„How To Quit Smoking“ ist ein spannendes Gedankenexperiment, bei dem man Dominic Fike zuhören und es möglicherweise auch auf sich selbst anwenden kann. Damit all das dann aber doch nicht zu deep, zu existenziell und erdrückend schwer wird, erreicht das Album durch seine rätselhaften Textschnipsel, Erzählungen ohne klaren Kontext, sowie den für Dominic Fike typischen, locker-leichten Gitarrensound mit Surf-Pop-Charakter ein Level an musikalischer Leichtigkeit, die ruhig auch einfach mal ohne viel Nachzudenken im Hintergrund dahinplätschern darf.